Sa, 09. Juni
16:00

Auftritt beim Literaturfest, 16:00 Uhr am Heinrichsplatz

So, 12. August

Lesung beim Inselfest Laubgeast Zeit noch unbekannt :)

Mo, 08. Oktober
18:30

Lesung in der Bibo Strehlen Otto Dix Ring 61

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Kurzgeschichte – „Ein blauer Punkt“

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Es ist schon eine Weile her, da sah ich aus dem Fenster. Sie müssen wissen, ich wohnte damals in Striesen neben einem kleinen künstlichen Bach, der sich wohl Landwehrgraben nennen dürfte – wenn er das könnte. Draußen war Winter. Drinnen auch, aber da war die Heizung an. Es lag ein wenig Schnee; leider nicht genug, um das alte braune Laub zu bedecken. Jedenfalls war ich gerade aus dem Bett aufgestanden, als ich den kleinen blauen Punkt unten am Graben sah. Zuerst rieb ich mir die Augen, weil ich manchmal kleine blaue Punkte sehe, wenn ich mich zu schnell erhebe. Doch der Punkt blieb, und schließlich schärfte sich mein Blick so weit, dass ich den blauen Punkt als einen Eisvogel identifizieren konnte. Ja wirklich! Ein Eisvogel mitten in Dresden. Ein kleiner azurblauer Vogel, pummelig mit langem Schnabel. Ich hätte mir niemals erhofft, jemals einen zu sehen. Er saß auf einem kleinen Zweig, der sich noch zu Zeiten der Flut verkeilt hatte, als auch die Wassertiefe des Grabens von läppischen zehn Zentimetern zu einem stattlichen Meter angeschwollen war und so einiges mit sich gerissen hatte. Darauf hockte nun der kleine Piepmatz und sah ein bisschen belämmert nach unten in der Hoffnung, es käme mal etwas anderes als Chipstüten und leere Flaschen geschwommen, etwas Silbriges mit Flossen dran vielleicht. Gern hätte ich ihm gesagt, dass es keinen Sinn hat, darauf zu hoffen, denn ich hatte schon ganz andere Dinge in den Graben fallen sehen. Doch ich sagte nichts und quiekte nur aufgeregt. Ich wusste ja nicht einmal, dass es diese Tiere in unserer Gegend gibt, geschweige denn, dass es sie überhaupt noch in der Natur gab. Also hielt ich mich an die japanische Tradition, eilte so schnell es ging ins Wohnzimmer und zückte den Fotoapparat.

Ich gebe zu, fotografieren ist nicht meine große Stärke, mein Interesse beschränkt sich dabei auf den eigentlichen Sinn des Gerätes, also das Festhalten des Augenblicks auf dem Film. Dazu genügte mir bis dahin ein Apparat, der nicht mehr als hundert deutsche Mark gekostet haben konnte, wenn überhaupt. Denken Sie nun nicht, dass ich mich ankleidete und die Treppe hinunter rannte, immerhin wohne ich im zweiten Stock, und da ist es schon eine Überlegung wert, ob man diesen Weg auf sich nimmt, um einen Vogel zu fotografieren, der ja schon längst weggeflogen sein könnte, ehe man unten angelangt ist. Außerdem wusste ich nicht, wie es mit den Rechten des Vogels stand, vielleicht wollte er gar nicht fotografiert werden und hätte mich verklagt, hätte er es gemerkt. Ich stellte mich also wieder ans Fenster, und mein einziges Zugeständnis an die Natur war, dass ich es wenigstens öffnete, um nicht durch die Scheibe fotografieren zu müssen. Ich knipste zweimal und legte den Apparat dann weg, diesem historischen Moment war meiner Meinung nach mit zwei Fotografien genug Aufmerksamkeit getan worden.

Die ganze nächste Woche erstaunte mich das blaue Vögelchen aber immer wieder, denn fast täglich kam es nun, setzte sich auf den kleinen Zweig und blickte mit demselben hoffnungsvollen Blick ins Wasser wie schon am ersten Tag. Kein einziges Mal habe ich den Vogel ins Wasser tauchen sehen, und immer noch drängte es mich, das Fenster zu öffnen, um ihm zu sagen: „Tut mir leid, es ist zwar schön, dass du da bist, aber einen Fisch wirst du da niemals finden.“ Doch kaum hatte ich das Fenster offen, verstand ich das Vöglein. Es hatte einfach keine Lust, in die kalte Brühe zu springen, selbst wenn da Hunderte Fische geschwommen wären. Es war wirklich arschkalt draußen!

Eines Tages dann, gerade war ich von der Arbeit gekommen und hatte mich überzeugt, dass mein kleiner blauer Freund wieder an Ort und Stelle war, knallte es draußen. Ich fuhr zusammen und stürzte zurück zum Fenster. Wieder knallte es und die Ursache war leicht zu finden. Zwei Kinder, Jungs, vielleicht zwölf Jahre alt, standen unten auf der Straße und warfen Silvesterknaller ins Wasser. Natürlich hatten sie den Eisvogel nicht gesehen.

Ich wusste, dass es noch zwei Tage bis Silvester waren, und spätestens dann wäre das Unvermeidliche sowieso geschehen. Doch trotzdem rannte ich wutentbrannt nach unten und steckte ihnen ihre Knaller dahin wo die Sonne nie scheint. Natürlich tat ich nichts dergleichen. Ich fluchte nur still in mich hinein und wünschte mir, sie würden wenigstens das Gleichgewicht verlieren und ins Wasser fallen um mit triefend nasser Kleindung nach Hause laufen zu müssen. Irgendwann dann zogen sie ab, um noch ein paar Briefkästen zu sprengen, und zurück blieben ich, der Graben und ein Zweig ohne Eisvogel. Ich habe ihn nie wieder gesehen und mir bleiben von ihm nichts als die mitleidigen Blicke meiner Freunde, die, wenn sie die beiden Fotos ansehen müssen, nur meinen guten Willen, nicht aber den blauen Punkt erkennen wollen.