Interview oder Über den Autor
Herr Goldammer, Sie sind in der Dresdner Neustadt aufgewachsen?
Ja Frau Doktor, seit 1975
Ihr Geburtsjahr- sehr witzig.
Ich kann keinem Kalauer widerstehen
Das sollten Sie sich mal abgewöhnen! Sie sind also ein DDR Kind? Unter der Knute des Kommunismus aufgewachsen!
Ich war ein Kind, nicht sehr aufmüpfig, für uns war alles normal
Wie haben Sie die Befreiung erlebt?
Sie meinen die politische Wende! Ich hatte anfangs Angst, gebe ich zu, vor den so genannten Revanchisten, dann war es wie ein großes Abenteuer und schließlich war ich froh dass ich nicht zur NVA musste, man müsste ein Buch drüber schreiben, hat glaub ich noch keiner gemacht
Haben Sie Literatur studiert?
Nein
Germanistik?
Nö
Geschichte, Journalismus?
Ich habe gar nichts studiert
Sie haben also nie gelernt ein Buch zu schreiben?
Muss man das lernen?
Ich stelle hier die Fragen. Haben Sie schon mal etwas von der Synopsis gehört?
Nein
Von der Syntax?
Auch nicht
Von der Methaphysis?
Phh, nein!
Wenigstens vom Spannungsbogen?
Ich bin kein Elektriker, ich bin Maler- und Lackierermeister
Ein Handwerker also. Da haben Sie Zeit zum Schreiben, so fern man das so nennen kann?
Ja, um fünf in der Früh stehe ich auf und schreibe noch vor der Arbeit
Ein Handwerker und Märtyrer zugleich. Bestimmt wollen Sie bloß imponieren. Ich nehme an, Sie schreiben Unterhaltungsliteratur?
Literatur sollte unterhalten, meiner Meinung nach. Ein Buch ist gut wenn man es nicht mehr weglegen möchte, ehe es zu Ende ist
Und was steht hier? Mystery!
Es gibt keine geläufige deutsche Bezeichnung für meine Geschichten, die nicht Krimi, kein Horror und erst Recht kein Fantasy sind, deshalb dieser Begriff.
Nun gut. Hören Sie Musik? Und wenn ja welche?
Alles mögliche, ich habe 800 CD und LP zu Hause
Ich hörte Sie sind ein Fan von einer Kapelle namens, Moment, hier hab ich es aufgeschrieben, Depeche Mode
Stimmt, war aber nie so lookalike
Hätten Sie das sein müssen? Und Ihr Lieblingsalbum? Ich nehme an „music fort the masses“ „violator“ oder „playing the angle“
Disintegration
Disin … steht hier gar nicht auf meinem Zettel!
Von The Cure
Na gut und ihr Lieblingslied? Enjoy the Silence? People are People?
Learning to Fly
Hmmm, kann ich hier auch nicht finden
Von Pink Floyd, das wechselt auch ab und zu, je nachdem wie oft ich es höre. Die Musik von Depeche Mode, Nine Inch Nails und Radiohead helfen mir oft als Soundtrack beim Schreiben. Von DM mag ich am liebsten das Album Songs of Faith and Devotion. Wenn auch die Tour danach den Sänger Dave Gahan vollkommen in den Abgrund gerissen hat. Aber wie gesagt, es gibt eine Unmenge von Musik die ich mag unmöglich alles aufzuzählen.
Tja. Wie dem auch sei. Einen Lieblingsfilm haben Sie sicher auch. Ich nehme an ein Blockbuster aus Hollywood.
Der Plot von „The sixt sense“ war genial, aber ich will mich bei Filmen nicht so festlegen, „Bad Santa“ mit Billybob Thornten find ich auch Klasse, aber auch „The Straight story“. Da gibt’s vieles was ich gern mag, genau wie bei Büchern. Ich habe bestimmt schon zweitausend …
Jaja egal, so, was haben wir noch, Fernsehen, mögen Sie eine bestimmte Serie?
Little Britain
Kleinbritannien, klingt wie ein Politthriller, hintergründig, ins Detail recherchiert?
Comedy, ich könnte mich wegschmeißen vor lachen
Oh, ich hätte es mir denken müssen. Sonst noch Hobbys?
Nicht direkt ein Hobby, aber aller paar Monate kaufe ich mir ein großes kompliziertes Puzzle, dabei kann ich mich prima entspannen. Außerdem, gebe ich unumwunden zu dass ich sehr gern Videospiele spiele, leider hab ich nur wenig Zeit dazu.
Das kann nicht Ihr Ernst sein! Ich muss mich erstmal sammeln. Puzzle, unglaublich. Puh … Haben Sie ein Lieblingsbuch? Und bitte erwähnen Sie an dieser Stelle keines von Ihren Büchern.
Schade hätte gern Werbung für mich gemacht. Gleich werden Sie aber lachen, mein Lieblingsbuch heißt Mystery, von Peter Straub
Ja, haha Mystery. Peter Straub, Straub, Straub noch nie gehört!
Ein Kumpel von Stephen King
Stephen Ki… oh Gott, auch das noch. Bestimmt haben Sie auch Douglas Adams gelesen, nicht wahr?
Stimmt!
Meine Güte. Ich hab es ja geahnt. Haben Sie denn schon mal was Richtiges gelesen, immerhin wollen Sie ein Literat sein. Bücher von Thomas Mann? Von Grass? Döblin? Herman Hesse? Max Frisch? Dostojewski? Houellebecq? James Joyce?
Ja
Was, von all denen?
Ja
Na und?
Manches war ganz gut, aber vieles ist überbewertet
Überbe …? Ganz gut? Entschuldigen Sie, es ist nicht leicht die Fassung zu bewahren wenn man mit Ihnen redet. Aber ich darf mein Konzept nicht verlieren. Haben Sie Kinder?
Drei
Auch das noch, drei. Demnach sind Sie verheiratet?
Geschieden
Wundert mich gar nicht. Wie sind Sie denn überhaupt auf die Idee gekommen, Sie könnten … ich meine … ehrlich mal… Bücher zu schreiben?
Einfach so. Ich dachte, ich kann das auch. Und als ich angefangen habe, erkannte ich was mir bis dahin gefehlt hatte.
Meine Güte, jetzt kommen Sie mir nicht mit dem Schicksal oder einer Berufung. Sie können gar kein Schriftsteller sein, dazu sehen Sie viel zu gut aus. Da haben Sie also ein Manuskript fertig gehabt und dachten Sie kommen groß raus?
Anfangs war ich ein wenig naiv und dachte so. Doch irgendwann hatte ich zehn Manuskripte und ein gutes Dutzend Absagen …
Ich habe nichts anderes erwartet
… von Verlagen die meine Leseproben größtenteils gar nicht gelesen haben. Schließlich hatte ich keine Lust mehr, jemandem nachzulaufen und habe ein Buch im Selbstverlag herausgebracht.
Ekelhaft! Selbstverlag, einfach widerlich! Und dann haben Sie alle Verwandten gebettelt Ihr Buch zu kaufen?
Nein, das haben die von allein gemacht
Und jetzt sitzen Sie auf hunderten von Bücherkisten und die Verwandten sind Ihnen ausgegangen!
Nein, mein erstes Buch ist vergriffen, von meinem zweiten gibt es schon die zweite Auflage, mein Drittes liegt vor und das Vierte ist schon in Arbeit. Es soll im Herbst 2009 herauskommen und wird quasi eine Fortsetzung vom Ersten
Aah-ha, womit Sie die Leute zwingen erst das Erste zu kaufen!
Nein, man kann die Bücher auch unabhängig von einander lesen, zwar setzt sich die Story fort, doch ist jedes Buch seine eigene Geschichte
Wird schon schöner Blödsinn sein, schon mal überlegt etwas Tiefgründigeres zu schreiben, als nur diesen Unterhaltungskram!
Wissen Sie, Sie sollten die offensichtlichen und vor allem die subtilen Botschaften in Unterhaltungsbüchern nicht unterschätzen, in den einfachsten Geschichten steckt immer eine Moral, etwas Menschliches. Damit geben wir uns schon als Kinder ab wenn wir Märchen erzählt bekommen. Da braucht man keine Traktate und keine schwere Erbauungsliteratur von Menschen die glauben sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen. Hemingway hat mal …
Dieser Machoaffe, dieser Großwildjäger und Frauenverschleißer! Dieser Selbstmörder! Was hat der denn so Wichtiges gesagt?
Lesen Sie es selbst, ich habe keine Lust mehr es zu erzählen. Tod am Nachmittag heißt das Buch, irgendwo zwischendrin stehts
Was inspiriert Sie? Ihre Arbeit als Handwerker? Nehmen Sie Drogen? Alkohol?
Ein leichter frischer Luftzug
Bitte?
Es gibt nichts was mich mehr inspiriert. Wenn ich am Fenster sitze und ein Hauch frische Luft meinen Kopf umschmeichelt ist es als flögen kleine Ideepartikelchen direkt in mein Gehirn!
Ideepartikelchen. Naja gut, werden wir mal wieder konkret. Moment, ich muss meine Fragenliste durchgehen, aha, hier: Wie schreiben Sie? Sicher machen Sie sich ein Konzept, oder schreiben Sie das Romangerippe, welches Sie dann noch mit Details ausarbeiten …
Da muss ich Sie wieder enttäuschen. Ich schreibe gerade heraus, was passiert passiert. Ich habe eine Idee, beginne ein Buch und lasse mich von der Dynamik meiner Charaktere überraschen. Beim Schreiben versuche ich mir immer die Geschichte als Film vorzustellen, das hilft die Sache spannend zu machen, man merkt sofort wenn es langweilig wird.
Ich merke schon, Sie blühen richtig auf wenn Sie über sich selbst reden können, vielleicht sind Sie doch ein richtiger Schriftsteller. Welchen Preis hätten Sie gern?
38 Euro
Bitte? Ach ein Kalauer, nicht wahr! Also jetzt im Ernst!
Den Oskar fürs beste Drehbuch
Das war ja zu erwarten. Gibt es einen Preis den Sie nicht gern hätten?
Den Literaturnobelpreis
Das sagen Sie ja bloß, weil Sie den sowieso nie bekommen werden.
Nein
Nein? Also warum?
Weil es ein Preis von Wichtigtuern für Wichtigtuer ist. Leute die sich selbst zu ernst nehmen …
Wen soll man denn ernst nehmen, wenn nicht sich selbst?
…und glauben mit ihrem Geschreibe könnten Sie irgendwas in der Welt besser machen, dabei schert es den Rest der Welt einen Dreck ob irgendwo ein Buch erschienen ist, in dem sich der Autor um die Belange einer Minderheit sorgt. Wie in der Musik die politischen Liedermacher, verdient man hier nur Geld mit Betroffenheit und hilft dabei niemandem
Aber Ihr geliebter Hemingway hat auch einen Literaturnobelpreis bekommen
Ja, und er war wütend wegen der Begründung dafür und hätte ihn am liebsten nicht entgegengenommen
Na Sie glauben ja einiges zu wissen. Sie sind selbst ein Wichtigtuer!
Nein, ich lasse mich nur nicht täuschen von der Selbstbeweihräucherung der Branche
Da hat sich einiger Frust aufgebaut, was? Die ganzen Absagen und so.
Ich sehe Spott in Ihren Augen. Aber keineswegs, ich gehe meinen Weg ohne mich beeinflussen zu lassen von Leuten die glauben es besser zu wissen. Ich lerne aus meinen Fehlern, ich gehe kalkulierte Risiken ein und unterwerfe mich keinem allmächtigen Lektorat, welches mich zum Beispiel zwingt Dutzende Kapitel umzuschreiben oder aus kalkulatorischen Gründen Seitenweise Text zu streichen. Ich habe Freunde die mir helfen, schon von Anfang an und bin ein gestresster, aber sehr zufriedener Mensch
Also noch mal zum Anfang zurück, warum schreiben Sie?
Das haben Sie doch schon gefragt
Nein, da fragte ich wie Sie darauf gekommen sind. Jetzt will ich wissen warum!
Es scheint Sie jetzt also wirklich zu interessieren
Naja …
Wenn ich so recht darüber nachdenke, schreibe ich um des Schreibens Willen. Ich fühle mich nicht gut wenn ich nicht schreibe, ich liebe es Menschen zu erschaffen, die Dinge tun oder denen Dinge passiert, es ist als läse ich selbst ein Buch wenn ich es gerade schreibe. Ich plane nicht viel, die Dinge geschehen meist ohne dass ich sie groß beeinflussen kann. Versuche ich mich an ein straffes Konzept zu halten, scheitert die Geschichte. Auch dazu gibt es etwas sehr Interessantes von Hemingway geschrieben
Oh nicht schon wieder
In „Die grünen Hügel Afrikas“ ganz am Anfang, das Gespräch mit dem Österreicher
Ja?
Na, lesen Sie es!
Ich denke darüber nach. Was war in letzter Zeit die größte Enttäuschung für Sie? Literarischer Art.
Da muss ich nicht nachdenken. Das Buch heißt „Ein gerader Rauch“ von einem amerikanischer Schriftsteller, wurde im Radio gepriesen von einer Kritikerin, war kaum lesbar, zerfahren, undurchsichtig, ohne Ende, ohne Fazit, ohne Aussage, schlecht versteckte Wichtigtuerei. Habe schon überlegt ob ich von dem Radiosender mein Geld zurückverlange
Sie meinen also Kritikern kann man nicht trauen?
Doch, in gewisser Hinsicht, wenn man von dem was sie sagen einfach das Gegenteil versteht
Aber … Das müsste ja bedeuten „Feuchtgebiete“ wäre der letzte Dreck, von einer Göre geschrieben die schamlos ihre Prominenz ausgenutzt hat um einen Bestseller daraus zu machen!?
Warten Sie … hmm, ja, das wäre die Konsequenz!
Herr Goldammer!
Ja?
Ich möchte ein Kind von Ihnen!
Raus hier!
Das Interview könnte am 01.12.08 so stattgefunden haben

